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Geburt als Übergangsritual

Schwangerschaft als Lebenskrise, Geburt als traumatisierendes Ereignis, Wochenbett als depressive Episode – manche Eltern erleben die Übergangsphase rund um die Geburt eines Kindes als seelische Belastung. Die Autorin vermittelt in diesem Buch ihre Arbeitsweise mit Familien in der Zeit des Elternwerdens. Sie lädt die Leser ein, ihr in kleinen lösungsorientierten Beratungssequenzen über die Schulter zu schauen. So erleben sie mit, wie zunehmend Selbstwirksamkeit erreicht wird und sich ungeahnte Perspektiven eröffnen.

 „Geburt als Übergangsritual“ ist sowohl für Therapeuten, Berater, Ärzte und Hebammen als auch für Mütter und Väter hilfreich.

Es folgt eine kurze Zusammenfassung der einzelnen Buchkapitel:

Rituale gibt es seit Menschengedenken. Sie sind Handlungen, die den Zusammenhalt einer Gemeinschaft fördern und dadurch dem Einzelnen Sicherheit geben. Dazu gehört die rituelle Rahmung von Lebensübergängen, wie die Geburt oder das Sterben eines Menschen. So ermöglichen Rituale die aktive Auseinandersetzung mit den Wandlungen im Leben. Manchen Eltern ist es nicht möglich, die wichtige erste Begrüßung ihres Kindes zu erleben, weil die Geburt ihres Kindes operativ endete. Der Nachhall von Lebensgefahr irritierte die allererste Kontaktaufnahme zwischen Eltern und Kind. Das bewusste Kreieren heilsamer Rituale, die diesen Lebensübergang symbolisieren, kann als nachträgliche Zeremonie die Rahmung für die notwendige Umwandlung von der Frau zur Mutter und von dem Mann zum Vater erschaffen.

Im zweiten Teil des Buches befindet sich ein Werkzeugkoffer mit kreativen systemischen Methoden. Ressourcen-, Lösungs- und Zielorientierung bringen fast zwangsläufig eine Haltung des gegenseitigen Respekts mit sich. Systemische Therapeuten suchen nach dem bisher nicht ausgeschöpften Veränderungspotential der Klienten. Sie gehen davon aus, dass jedes Symptom einen Sinn hat, beziehen das Umfeld mit ein und suchen nach Stärken und Ressourcen. Dabei hilft ein umfangreicher Katalog systemischer Fragen, die hier detailliert für die Arbeit mit Eltern in der Familiengründungsphase vorgestellt werden. Systemische Fragen sind immer sehr konkret auf die Erlebniswelt der Klienten abgestimmt. Andere systemische Methoden, wie das Umdeuten, das Externalisieren, die Lebenslinie, das Familienbrett und bestimmte Familienaufstellungen werden hier ausführlich besprochen.

Der dritte Teil beschreibt die heutige Geburtshilfe in Deutschland, die sich in dem Spannungsfeld einer Fehlentwicklung ökonomisierter Krankenhauspolitik und der aufopferungsvollen Arbeit von Gynäkologen und Hebammen befindet. Dieses Kapitel ist ein Streitschrift für eine bessere Geburtshilfe. Es ist ein Umdenken erforderlich. Der Grundsatz, dass gesunde Frauen ohne medizinische Hilfe gebären können, ist aus dem Blickfeld geraten. Es werden mehr Geburtshelfer gebraucht, die einen zuversichtlichen Blick auf individuelle Geburtsverläufe haben, die sich gebärenden Frauen respektvoll zuwenden und Geburten weder ohne dringende Indikation einleiten, noch den Verlauf beschleunigen. Eine Geburt braucht ihre Zeit. Es wird in diesem Kapitel darauf eingegangen, dass Frauen und ihre Partner keine passive Statisten ihrer eigenen Geburt sein sollten. Gleichzeitig sollten sie davor geschützt werden, im Vorfeld unerfüllbare Erwartungen an die Geburt zu entwickeln. Frauen, die vor der Geburt eines Kindes Traumatisierungen erfuhren, sollten kritisch mit dem Konzept des Hypnobirthings umgehen, da das Versprechen einer schmerzarmen Geburt sie unflexibel für den tatsächlichen Verlauf einer Geburt machen könnte. Die Reise nach innen durch Selbsthypnose oder traumainduzierte Dissoziation sieht für Geburtsbegleiter ähnlich aus und verhindert eventuell das richtige schützende Verhalten.

Teil vier richtet den Blick unter traumatherapeutischen Aspekten auf Familien. Wird eine Geburt als traumatisierendes Ereignis erlebt, gehen Mütter und Väter psychisch verletzt in die neue Lebensphase als Eltern. Manchen kommt es so vor, als überleben sie seit dieser unerträglichen Erfahrung. Intrusionen und Flashbacks sind unbewußte Verarbeitungsstrategien. Albträume und Gedankenschleifen werden als Selbstheilungsversuche gewertet. Heftige Gefühle tauchen als verspätete Reaktionen auf. Vermeidung und Verdrängung werden als Entlastung erlebt, da alles darauf abzielt, dem Kind ein gesundes Leben zu sichern. Gleichzeitig bleibt der Körper in einem übererregten Zustand, so als sei die Gefahr noch nicht vorüber. All diese posttraumatischen Belastungssymptome sind gesunde und normale Reaktionen nach einem erschütternden Ereignis. In diesem Kapitel stellt die Autorin verschiedene traumatherapeutische Verfahren vor, die sich unabhängig von therapeutischen Schulen in ihrem Ablauf ähneln, da sie sich an den bei fast allen Menschen verlaufenden Reaktionen orientieren. 

Im fünften Teil werden die zehn Schritte des systemisch-traumatherapeutischen Ansatzes von Tanja Sahib erläutert. Sie zeigt, wie sie systemische und traumatherapeutische Ideen bei speziellen Krisen rund um die Geburt miteinander verbindet. Das Kapitel beginnt mit der traumatherapeutischen Begleitung schwangerer Frauen. Es ist ein kompetentes Abwägen erforderlich, ob die Konfrontation mit früheren traumatisierenden Erfahrungen den dauerhaften psychischen Streß der Schwangeren vermindert oder zur kurzfristigen Gefährung des Ungeborenen führt. Danach folgt die Idee eines Zehn-Schritte-Planes traumatherapeutischer Begleitung nach erschütternden Geburten. Psychoedukation, Stabilisierungstechniken, Schutz durch Distanzierung und die Einbeziehung des inneren und äußeren Systems werden ausführlich erörtert. Viel Raum nimmt in diesem Kapitel die vorsichtige Traumabegegnung im geschützten Raum ein. Zentral ist die Idee des Brückenbauens zwischen der Zeit vor der Geburt und dem Erleben danach. Das Kapitel endet mit der Erläuterung, wie wichtig das Trauern um etwas Unwiederbringliches ist. Die Idee des aktiven Abschiednehmens von vorherigen Vorstellungen einer Geburt oder den erlittenen Verlusten, z. B. der körperlicher Unversehrtheit, rundet das Kapitel ab. Erst jetzt kann das traumatische Ereignis in die eigene Biographie integriert werden.

Im sechsten Teil wendet sich die Autorin mit einem Selbstfürsorge-Fragebogen den Beratern zu. Der Umgang mit den schweren Belastungen der Klienten kann manchmal nicht verhindern, selbst erschüttert zu werden und sich überwältigt zu fühlen. Die Balance zwischen Selbstmotivation und Selbstfürsorge ist ein schmaler Grad. Der Selbstfürsorge-Fragebogen sollte Berater und Therapeuten dabei unterstützen, eigene Überbelastung rechtzeitig zu erkennen und gegenzusteuern. Am Ende dieses Kapitels beschreibt die Autorin, wie gern sie in den letzten Jahrzehnten Beraterin war und erzählt zum Abschluß von dem Begleitungszyklus einer Frau, die von sich sagte: "Ich kann es schaffen!"